Sonntag, 6. April 2008

Postaufklärung? - Leider Nein!


Auch in der Schweiz, einer der ältesten Demokratien überhaupt, lohnt sich dieser Tage ein Blick in das Zeitalter der Aufklärung, die Geburtszeit aller Demokratien und die Zeit der bedeutenden Gesellschaftsrevolutionen. Amerika und Frankreich sprengten die eisernen Fesseln eigener Unmündigkeit und brachten Licht ins Dunkel. Zumindest kurzfristig.

Wachgerüttelt durch die Denker der Zeit begann sich das Volk im 18. Jahrhundert gegen die nach Kant „selbstverschuldete“ Unmündigkeit, Ungleichheit und Unterdrückung zu wehren. Stimmen gegen die Ungerechtigkeiten der Monarchie wurden laut: „Monarchie und Erbfolge haben nichts anderes bewirkt, als die Welt in Schutt und Asche zu legen (Thomas Paine1776 Philadelphia) oder der viel zitierte Ausspruch Kants (1784). Sapere Aude! Habet Mut euch eures Verstandes zu benutzen und tretet heraus, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Die Aufklärung fand in Zeiten statt, in denen der glaube an Religion und die Monarchie das Weltbild der Bürger bestimmte.
Zeiten des Verstandes und der Zweckmässigkeit sollten Zeiten der Unfreiheit und des Gehorsams ablösen, das System hinterfragt, und die Rechte und Pflichten der Bürger beständig auf ihren Sinn und Notwendigkeit überprüft werden.
Den Akteuren der Aufklärung war die geschichtliche Tragweite ihrer Handlungen schon damals bewusst, sie strotzten vor Zuversicht, Zukunftsglaube und Selbstvertrauen:
„Die Sonne schien noch nie auf eine Sache von grösserer Bedeutung(..) die Nachwelt ist unmittelbar in diesen Kampf verwickelt(...) Eine neue Denkweise ist entstanden.“
(Thomas Paine 1776 Philadelphia)

Der Erfolg der Aufklärung aber war kurzfristig, aus der französischen Revolution trat Napoleon hervor und aus der Russischen Stalin, einzig in den USA schien der Erfolg von Dauer. Hierzu aus Präsident Jeffersons Antrittsrede im Jahre 1801:
„Ich bin überzeugt Demokratie ist die stärkste Staatsform der Welt. (...) Manche sagen, man könne Menschen die Herrschaft über sich selbst nicht anvertrauen. Kann man ihnen dann eher die Herrschaft über andere anvertrauen? Oder haben wir Engel in der Gestalt von Königen gefunden, um die Menschen zu beherrschen? Lasst die Geschichte diese Fragen beantworten.“
In der Tat ist die Nachwelt noch immer in diesem Kampfe gegen die Unmündigkeit und für den Verstand, Ratio statt Ematio, verwickelt und der Aufklärungs-Diskurs brandaktuell.
Wo sind die Intellektuellen heute? Die Avantgardisten? Die Aufklärer? Ein Rousseau, Kant oder Voltaire, die die Gesellschaftsstrukturen kritisch hinterfragen? Nachfolger von Frisch oder Dürrenmatt, die am politischen Zeitgeschehen mitwirken?
„Sind es nun die Medien, die an der Stimme des Intellektuellen nicht interessiert sind, oder haben die Schriftsteller schlicht kein Interesse mehr?“ fragt Alois Bischof in diesem Zusammenhang im St. Galler Tagblatt vom 05. April 2008, oder weiter „Schleicht sich noch Verantwortung ein oder gibt es eventuell rein gar nichts mehr abzulehnen in diesen Zeiten, in denen das Goldene Kalb immer goldener, der Tanz rasender und gieriger wird?“ Oder anders gesagt aus Meienbergs Frisch Gedicht

Nachtsichtiger Vogel / Du fehlst den Mäusen

Die heutige Gesellschaft besteht aus zu vielen Schweigern, die ihrem täglichen Streben nachgehen ohne auch nur an politische Belange zu denken. Bei der Lektüre von „20 Minuten“, „Heute“ oder den rasanten Kurznachrichten im Fernsehen stellt sich ein Gefühl von Informiertheit ein, doch ein austreten aus der Unmündigkeit oder der Gebrauch des Verstandes wird weder angestrebt noch erreicht. Wirklich Wissen wird im Endeffekt kaum vermittelt. Mit Verstand hinterfragt wird das gesehene oder gehörte noch viel weniger.

Bereits John Locke erkannte, dass das Volk nicht nur das Recht auf Widerstand hat, sondern auch die Pflicht Widerstand zu leisten. Um dies wahrzunehmen müssen die Bürger informiert und mündig sein, um nicht emotionelle sondern rationelle Entscheide zu treffen. Hier spielen die Medien eine tragende Rolle, wobei sie ein Spiegelbild der Gesellschaft sind und sich über die Bedürfnisse der Rezipienten definieren. Schon in der ersten Staatsverfassung, die 1776 angenommen wurde, in der Virginia Bill of Rights, stand „Die Freiheit der Presse ist eines der Starken Bollwerke der Freiheit“.

Wie frei ist heute die Presse? Gefangen im ökonomischen Gewinndruck, dass zu schreiben, was die Leute lesen wollen oder was sie meinen, dass die Leute lesen wollen. „Vernünftig ist was rentiert“, stellte 1985 Max Frisch an den Solothurner Literaturtagen fest und behauptete die Aufklärung sei gescheitert.

Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Schlagzeilen oder das Zeitalter falscher Informiertheit und Überinformiertheit aber doch nicht Informiertheit. Das Zeitalter der Beschleunigung (vgl. Christoph Müller, Tagesanzeiger 12.06.07).

In der Schweiz ist das meistgelesene Medium das „20 Minuten“. Der Bürger sucht nicht im Sumpf der vielen vorhandenen Informationen, sondern lässt sich bedienen, lässt sich die Informationen von Obrigen und Medien servieren, es ist anstrengend sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und bequem die Autoritäten für sich entscheiden zu lassen.
Dazu notiert Lichtenberg: „Man spricht viel von Aufklärung und wünscht mehr Licht. Mein Gott, was hilft aber Licht, wenn die Leute keine Augen haben, oder die, die sie haben, vorsätzlich verschliessen?“
So ist es nicht verwunderlich das autoritäre Systeme eine Renaissance erleben. Die klar strukturierte und geführte SVP, die es versteht ihre Anliegen auf Schlagzeilengrösse zu reduzieren erlebt einen beispiellosen Aufschwung. Die Religion und weniger die Vernunft spielt in der Weltpolitik eine immer wichtigere Rolle. Die Mehrheit der Bürger zieht die „selbstverschuldete Unmündigkeit“ der anstrengenden Benutzung des Verstandes vor. Medien werden gelesen, doch kaum hinterfragt. Was geschrieben steht wird als wahr akzeptiert und kaum hinterfragt. Die Informationen sind einseitig, der Weltauschnitt den sie zeigen klein und wenig differenziert. Die Relevanz in der öffentlichen Debatte stattfindenden Diskurse ist häufig fraglich. Wichtige Themen werden aufgrund ihrer Komplexität stark reduktionistisch und damit verfälscht oder gar nicht dargestellt. Abstimmen geht nicht einmal jeder Zweite.
Es wäre wichtig sich die Maximen der Demokratie und den schmerzhaften und blutigen Effort, der nötig war um den Verstand siegen zu lassen immer und immer wieder vor Augen zu führen.

Mittwoch, 27. Februar 2008

Wie wahr, nicht wahr?


„Nein, es sind rätselvolle Tatsachen, die Frauen ... so wenig neu es ist, so wenig kann man ablassen, davorzustehen und zu staunen. Da ist ein wunderbares Geschöpf, eine Sylphe, ein Duftgebild, ein Märchentraum von einem Wesen. Was tut sie? Sie geht hin und ergibt sich einem Jahrmarktsherkules oder Schlächterburschen. Sie kommt an seinem Arme daher, lehnt vielleicht sogar ihren Kopf an seine Schulter und blickt dabei verschlagen lächelnd um sich her, als wollte sie sagen: Ja, nun zerbrecht euch die Köpfe über diese Erscheinung! – Und wir zerbrechen sie uns.“


Sagt Herr Spinell in Thomas Manns "Tristan" zu der Frau Gattin Klöterjahn.

Sonntag, 24. Februar 2008


Luxushotels in Luzern

Buchtipp


Wie findet man im unübersichtlichen Dschungel der Literatur gute Bücher? Genau durch Empfehlungen.

Dass Dürrenmatt gute Bücher schreibt, ist ja wohl kein Geheimnis, aber mit "Grieche sucht Griechin" ist ihm ein besonderes Werk gelungen. Man taucht von Anfang an ein in die skurrile Welt des Unterbuchhalters Archilochos, dessen vorerst völlig normales und eintöniges Leben mit dem Kontaktinserat in einer Zeitung "Grieche sucht Griechin", eine überraschende Wendung nimmt, als sich überraschenderweise tatsächlich ein hübsches, graziöses Mädchen darauf meldet.. Man wähnt sich in einer surrealen Traumwelt in der alles extrem ist: Ein unglaublicher Aufstieg, üble Firmenstrukturen, moralische Weltgebilde, Veganer, Buchhalter über Buchhalter. Archilochos Karriere geht vom Buchhalter der Geburtszangenverkäufe im Kanton Appenzell und Glarus, bis hin zum Generaldirektor der Atombombenabteilung und zum Weltkirchenrat. Mein Favorit von Dürrenmatt ist aber trotzdem noch "die Panne".

Übel


Die ethische Grenze seines Handelns setzt sich jeder selber. „Es ist halt so“, lautet häufig der Tenor. „Die Wirtschaft, der Chef, die Firma verlangt es so“. Genau das ist Grundstein vieler Übeln. Jeder einzelne trägt Verantwortung für sein Handeln, auch wenn es im Auftrag für andere ist. Es ist nicht einfach so. Es ist nur so im Moment des Handelns. Und das tut jeder für sich alleine. Prozesse und Strukturen sind nicht, sie reproduzieren, erneuern sich selber in jedem Moment, jeder Sekunde aufs neue.
(Zitat Wyss oder so;-)

Freitag, 1. Februar 2008

Von Zufällen und Schmetterlingen


Was Zufall, was Schicksal ist, ist eine Frage die kein Mensch je beantworten wird können. Trotzdem frage ich; ist das Leben wie ein fallendes Blatt im Herbst, richtungslos unausweichlich dem Boden und verdorren entgegen, ausgeliefert allen Windstössen und fixen Gegebenheiten wie Ästen, Dornen, Moos oder Aufwinden? Dem Schmetterlingseffekt zu Folge, können kleinste Einflüsse komplexe Systeme, wie auch der Mensch eins ist, sich komplett anders entwickeln lassen, eben ein Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas könne einen Taifun im fernen China auslösen. Der Schmetterlingseffekt ist Teil der Chaostheorie, wonach die Dynamik eines Systems aufgrund der Abhängikeiten und Einflüsse so vieler Faktoren nicht oder nur sehr bedingt vorausberechenbar ist. Die Frage ist, kann eine unbedachte alltägliche Handlung, ein Lächeln, ein Stirnrunzeln, ein Leben komplett aus der Bahn bringen oder besser ist, es überhaupt möglich, dass bewusste Handlungen die gewollte überschaubare Wirkung haben. Sind Systeme Spielball der Umwelteinflüsse und nur sehr bedingt beeinflussbar? Durch die innere Einstellung und durch Wille verändert sich die äussere Ausstrahlung und dies allein hat grossen Einfluss auf die Umwelt. Hermann Hesse meint im "Steppenwolf", dass der unbedingte Wille vereint mit unbewusstem hartem Bedürfniss die Umwelt so beeinflussen kann, dass man schlussendlich zum Ziel gelangt.. bzw das kriegt, was man will. Auf was ich hinaus will: Es gibt zuhauf Ereignisse die mit Zufall schier nicht zu erklären sind. Vor allem dann, wenn man es besonders nötig hat. In Notlagen findet sich so meist ein Weg. Wenn man denn nur muss und will.